Die vier Dichtungsarten – und welche zwei Sie selbst machen können

Bevor Material und Werkzeug eine Rolle spielen, muss klar sein, welche Art von Dichtung überhaupt vor Ihnen liegt. Die Einteilung folgt nicht der Form, sondern der Aufgabe – und daraus ergibt sich unmittelbar, ob Selbstfertigung sinnvoll ist:

ArtWoran Sie sie erkennenAufgabeSelbst machbar?
Flachdichtungflacher Zuschnitt aus Papier, Kork, Faserstoff oder Gummi zwischen zwei planen Flanschenstatisch – dichtet zwei feststehende Flächen gegeneinander abja – der klassische Selbstbaufall
O-Ringrunder Schnurring, liegt in einer Nut, Querschnitt kreisrundstatisch oder gering bewegt – dichtet über Verpressung in der Nutja – aber bestimmen und kaufen, nicht fertigen
RadialwellendichtringMetallkäfig mit Elastomerlippe und einer feinen Ringfeder, sitzt um eine Welledynamisch – dichtet gegen eine drehende Welle abnein – Normteil, wird ersetzt
Formdichtungdreidimensional geformtes Gummiteil, Profil oder Lippe, oft mit Nut oder Stegstatisch, aber konturgebunden – Deckel, Türen, Gehäusenein – Werkzeugerzeugnis

Warum die letzten beiden Gruppen nicht in die eigene Werkstatt gehören

Der Radialwellendichtring, umgangssprachlich Simmerring, sieht aus wie ein Gummiring und ist ein Präzisionsbauteil. Er besteht aus einem Metallkäfig, einer Elastomer-Dichtlippe mit exakt definiertem Anstellwinkel und einer feinen Zugfeder, die die Lippe mit einer festgelegten Kraft an die Welle drückt. Diese Geometrie entscheidet über die Dichtwirkung – und sie lässt sich weder anzeichnen noch ausschneiden. Die gute Nachricht: Auch der Wellendichtring ist ein Normteil und wird über drei Maße bestimmt, nämlich Wellendurchmesser, Außendurchmesser und Breite, notiert als 35 mal 47 mal 7. Wer diese drei Zahlen am Altteil oder am Gehäusesitz abnimmt, bekommt Ersatz aus dem Lager, ohne die Teilenummer des Geräteherstellers zu kennen.

Die Formdichtung – die Türdichtung des Backofens, die profilierte Deckeldichtung der Pumpe, die Gummitülle mit Bund – entsteht in einer Form. Ihre Kontur ist dreidimensional, und genau darin liegt ihre Funktion. Ein flacher Zuschnitt kann sie nicht ersetzen. Realistische Wege sind hier Meterware im passenden Profil, ein Gebrauchtteil aus einem Schlachtgerät oder die Formteilfertigung nach Muster durch einen Gummiverarbeiter, was sich vor allem bei Liebhaberstücken rechnet. Wie Sie das Ausgangsteil überhaupt finden, steht unter Ersatzteil finden und ausführlich in unserer Anleitung Ersatzteile richtig beschaffen: Nummer, Quelle, Qualität.

Werkstoffwahl: Das Medium entscheidet, nicht das Aussehen

Eine Dichtung versagt selten, weil sie schlecht geschnitten war. Sie versagt, weil der Werkstoff nicht zu dem passt, was er zurückhalten soll. Elastomere sind chemisch sehr unterschiedlich, sehen aber oft gleich aus – zwei schwarze Gummiplatten können NBR und EPDM sein, und die beiden verhalten sich in Öl und in Wasser exakt gegenläufig. Deshalb steht die Frage nach dem Medium vor jeder anderen: Was liegt an dieser Dichtung an, bei welcher Temperatur, und ist die Verbindung drucklos oder nicht?

WerkstoffTemperatur (Dauereinsatz)Geeignet fürNicht geeignet fürTypische Anwendung
Dichtungspapier (Zellulose, ölimprägniert)etwa bis 100 bis 120 °CMotor- und Getriebeöl, Fett, Kraftstoff, drucklose GehäuseWasser, Dampf, Druck, KühlmittelGetriebe- und Gehäusedeckel, Vergaser, Pumpengehäuse
Faserdichtungsplatte (asbestfrei; umgangssprachlich nach dem Markennamen Klingerit)etwa bis 200 °C, kurzzeitig darüberÖl, Wasser, Dampf, Kraftstoff, auch unter Druckaggressive Chemie ohne WerkstofffreigabeFlanschverbindungen, Krümmer- und Wärmetauscheranschlüsse
Kork und Kork-Gummietwa bis 100 bis 120 °CÖl und Fett, gleicht welligen Flanschen aushohe Flächenpressung, Druck, DampfVentildeckel, Ölwannen, Gehäusedeckel aus Blech
NBR (Nitrilkautschuk)etwa −30 bis +100 °CMineralöl, Fett, Hydrauliköl, Kraftstoff, DruckluftBremsflüssigkeit, heißes Wasser, Dampf, UV und OzonDichtplatten und O-Ringe im Öl- und Kraftstoffbereich
EPDMetwa −40 bis +130 °C, peroxidisch vernetzte Sorten darüberWasser, Dampf, Kühlmittel mit Glykol, Bremsflüssigkeit, Witterung, UVMineralöl, Fett, Kraftstoff – quillt stark aufSanitär, Heizung, Kühlkreislauf, Außendichtungen
Silikon (VMQ)etwa −50 bis +200 °CHeißluft, Backofen- und Gerätedichtungen, physiologisch geeignete Sorten für LebensmittelkontaktKraftstoff, Öl unter Bewegung, mechanisch stark belastete StellenBackofen, Dampfgarer, Heißluftführung, Deckel
FKM (Fluorkautschuk)etwa −20 bis +200 °Cheißes Öl, Kraftstoff, viele Chemikalienheißes Wasser und Dampf, BremsflüssigkeitKraftstoffsystem, heiße Ölstellen, Chemie
PTFEetwa −200 bis +260 °Cnahezu alle Medien, sehr breite Chemikalienbeständigkeitdauerhaft hohe Pressung ohne Nachspannen – der Werkstoff kriechtArmaturen, Chemie, Gewindeabdichtung als Band

Die Temperaturangaben sind Anhaltswerte für Dauereinsatz; die Datenblattangabe des Herstellers ist verbindlich, denn innerhalb jeder Werkstofffamilie gibt es weiche und harte, kalt- und warmfeste Mischungen. Vier Punkte, die in der Praxis am häufigsten übersehen werden:

Asbest-Hinweis zu Altbeständen: Faserdichtungsplatten und Krümmerdichtungen aus der Zeit vor dem deutschen Asbestverbot von 1993 können Asbest enthalten. Genau die Arbeitsschritte dieser Seite – schneiden, lochen, schleifen, abklatschen – setzen Fasern frei. Alte Platten ohne eindeutige Kennzeichnung als asbestfrei werden nicht bearbeitet und nicht verschliffen. Handelsübliche Faserdichtungsplatten sind heute asbestfrei und tragen eine Werkstoffangabe.

Vor dem Zuschnitt: die drei Maße, die stimmen müssen

  1. Die Dicke. Papier und Kork setzen sich unter Flächenpressung dauerhaft – die ausgebaute Dichtung ist deshalb dünner als die neue war. Messen Sie an einem überstehenden Rand außerhalb der gepressten Fläche, oder nehmen Sie die Nut- beziehungsweise Bundtiefe des Bauteils als Referenz. Das Kriterium heißt Bauhöhe: Sie darf sich gegenüber dem Original nicht ändern, weil sonst Vorspannungen, Spiele und Lagen der Bauteile wandern.
  2. Die Kontur. Sie wird immer vom Bauteil abgenommen, nicht von der alten Dichtung – es sei denn, diese ist vollständig, unverzogen und liegt plan. Alte Dichtungen reißen beim Ausbau, quellen auf und schrumpfen beim Trocknen; als Schablone sind sie die zweite Wahl.
  3. Die Dichtfläche selbst. Bevor Material zugeschnitten wird, gehört der Flansch geprüft: plan, ohne Riefen, ohne Reste der alten Dichtung, ohne aufgeworfene Kanten um die Schraubenlöcher. Eine verzogene Dichtfläche macht jede noch so saubere Dichtung zunichte – und eine dickere Dichtung ist dafür keine Lösung, sondern eine Verschleppung.

Alte Dichtungsreste werden mit einem Kunststoff- oder Messingschaber entfernt. An Aluminium-Dichtflächen gehört keine Stahlklinge: Aluminium ist weicher als der Schaber, und jede Riefe in der Dichtfläche ist ein Kanal, durch den Öl austritt.

Die Technik: Flachdichtung anfertigen

Methode 1 – Abklatschen mit dem Hammer

Die genaueste Methode, weil die Kontur direkt vom Bauteil kommt und kein Anriss dazwischenliegt. Das Prinzip: Die scharfe Dichtkante des Bauteils wirkt als Schneide, der Hammer liefert die Kraft.

  1. Bauteil sauber und trocken auf eine feste, ebene Unterlage legen, Dichtfläche nach oben.
  2. Dichtungsmaterial auflegen und mit Klebeband oder zwei Schrauben in den vorhandenen Löchern gegen Verrutschen sichern. Verrutscht das Material zwischen zwei Schlägen, ist die Dichtung unbrauchbar.
  3. Mit der Kugelpinne eines kleinen Kugelhammers – der Schlosserhammer hat statt der Kugel eine Finne und ist dafür das falsche Werkzeug – entlang der Dichtkante klopfen – viele leichte Schläge statt weniger kräftiger. Das Material wird durchtrennt, indem es über die Kante gedrückt wird, nicht indem man es durchschlägt.
  4. Zuerst die Innenkonturen und Durchgänge herausarbeiten, dann die Schraubenlöcher, zuletzt die Außenkontur. In dieser Reihenfolge behält der Zuschnitt bis zum Schluss seine Steifigkeit.
  5. Ränder mit einer frischen Klinge nacharbeiten, Fasern abziehen, trocken auflegen und die Passung prüfen.

Wo Abklatschen nicht angewendet wird: an Aluminium- und Leichtmetall-Dichtflächen, an dünnem Blech, an lackierten oder beschichteten Flanschen und an allem, was im eingebauten Zustand bleibt. Aluminiumkanten werden vom Hammer eingeschlagen und verlieren genau die Planheit, auf die es ankommt. Dort wird angezeichnet.

Methode 2 – Anzeichnen über das Bauteil

Der schonende Weg und die richtige Wahl bei Leichtmetall. Bauteil auf das Dichtungsmaterial legen, Außenkontur mit einem harten Bleistift oder einem feinen Anreißstift umfahren, dann die Innenkontur und alle Durchgänge von innen nachzeichnen. Die Schraubenlöcher werden mit einer Ahle mittig durchgestochen und anschließend gestanzt, nicht ausgeschnitten. Wichtig ist die Blickrichtung: Zeichnen Sie exakt senkrecht von oben, sonst wandert die Linie um die Materialdicke nach außen.

Methode 3 – Durchreiben

Eine Variante des Anzeichnens ohne Stift: Das Material wird aufgelegt und mit dem Daumen, einem Rundholz oder dem Griffende eines Schraubendrehers entlang der Kante gerieben, bis eine sichtbare Prägelinie entsteht. Das funktioniert bei dünnem Papier hervorragend und hat den Vorteil, dass keine Strichbreite die Passung verfälscht.

Methode 4 – Kopie der alten Dichtung

Nur wenn das Altteil vollständig, unverzogen und plan ist. Alte Dichtung auf das neue Material legen, beschweren, umfahren – und anschließend zwingend gegen das Bauteil prüfen, bevor geschnitten wird.

Schraubenlöcher: Locheisen statt Schere

Der Punkt, an dem selbstgeschnittene Dichtungen am häufigsten scheitern. Ein mit der Schere ausgeschnittenes Loch hat eine gerissene, unregelmäßige Kante und reißt beim Anziehen weiter ein. Locheisen – gehärtete Hohlstanzen, es gibt sie als abgestuften Satz – liefern eine saubere Kante:

Für Innenkonturen und Rundungen ist eine frische Skalpell- oder Cutterklinge das richtige Werkzeug; eine stumpfe Klinge zieht Fasern statt zu trennen. Bei Gummiplatten hilft es, die Klinge leicht mit Wasser oder Seifenlösung zu benetzen. Die Technik des sauberen Trennens und Fügens steht ergänzend unter Richtig kleben, wenn es um verklebte statt gepresste Verbindungen geht.

O-Ringe bestimmen: warum der Messschieber hier zwingend ist

Der O-Ring ist der Sonderfall dieser Seite: Man fertigt ihn nicht an, man bestimmt ihn. Er ist ein weltweit genormtes Massenteil, und die Kunst besteht ausschließlich darin, das richtige aus mehreren hundert genormten Größen zu benennen. Zwei Maße genügen dafür:

Notiert wird in dieser Reihenfolge, etwa 20 x 3 mm. Und genau hier liegt der Grund, warum ein Zollstock oder das Augenmaß nicht ausreichen: Es existieren zwei Normreihen nebeneinander.

Metrische Schnurstärken (mm)Aus dem Zollsystem abgeleitet (mm)
1,0 · 1,5 · 2,0 · 2,5 · 3,0 · 4,0 · 5,0 · 6,01,78 · 2,62 · 3,53 · 5,33 · 6,99

Zwischen 2,5 und 2,62 Millimeter liegt gut ein Zehntel – mit dem Auge nicht zu unterscheiden, für die Verpressung in der Nut aber entscheidend. Ein zu schwacher Ring dichtet nicht, ein zu starker wird beim Fügen gequetscht oder verhindert, dass der Deckel plan aufliegt. Ein Messschieber klärt das in Sekunden – deshalb ist er hier kein Komfortwerkzeug, sondern Voraussetzung.

Am Altring messen – oder besser an der Nut

Ein ausgebauter O-Ring ist die naheliegende, aber die schlechtere Vorlage: Er ist unter Verpressung bleibend verformt, im falschen Medium gequollen und beim Ausbau oft gedehnt. Zuverlässiger ist das Bauteil selbst:

  1. Nutgrund-Durchmesser messen – wo die Nut außen auf einem Kolben, einer Welle oder einem Stutzen liegt, entspricht der Nutgrund in etwa dem Innendurchmesser des O-Rings. Der Ring darf dabei leicht gedehnt aufsitzen, aber nur wenige Prozent; stärker gedehnt wird er dünner und dichtet schlechter. Liegt die Nut dagegen innen in einer Bohrung, ist der Nutgrund der Außendurchmesser – der Innendurchmesser ergibt sich daraus abzüglich zweier Schnurstärken.
  2. Nuttiefe messen – sie bestimmt die Schnurstärke. Der Ring muss über die Nutkante hinausstehen, damit er beim Fügen verpresst wird; im statischen Einsatz liegt diese Verpressung üblicherweise im Bereich von 15 bis 25 Prozent. Die Nutbreite muss das dabei verdrängte Material aufnehmen können – eine Nut wird deshalb nie vollständig gefüllt.
  3. Den Altring gegenprüfen. Stimmt das gemessene Normmaß mit dem gequollenen Altteil grob überein, ist die Bestimmung plausibel. Weicht es stark ab, war entweder schon einmal der falsche Ring verbaut oder der Werkstoff hat aufgequollen – beides eine wichtige Information.
  4. Werkstoff nach Medium wählen – siehe Tabelle oben. Im Zweifel gilt: NBR für Öl, Fett und Kraftstoff, EPDM für Wasser und Kühlmittel, FKM für heißes Öl und Kraftstoff.

Beim Einbau

Für den Haushalt sind O-Ringe und Kartuschen die häufigsten Dichtungsfälle überhaupt – siehe Wasserhahn tropft, Kartusche und Dichtung und Kartusche für den Einhebelmischer finden.

Einbau: was die selbstgeschnittene Dichtung braucht

Die Grenze: Was nicht selbst angefertigt wird

Diese Liste ist nicht verhandelbar, und sie folgt keiner Vorsicht um ihrer selbst willen, sondern der Frage, was bei einem Versagen passiert:

Wo diese Grenze verläuft, ist keine Frage des Anspruchs an sich selbst, sondern des Haftungsrisikos für andere. Welche Abwägung zwischen Instandsetzung und Ersatz sonst zählt, steht unter Reparieren oder neu kaufen.

Am Fahrzeug: unser eigenes Fachgebiet

Dichtungen am Auto sind der Bereich, in dem wir nicht raten, sondern arbeiten – und deshalb behandeln wir ihn hier nicht als Heimwerkerthema. Bei Ölwanne, Ventildeckel, Wellendichtringen an Kurbelwelle und Getriebe, Wärmetauschern und Zylinderkopf entscheiden Dichtflächenzustand, Anzugsvorschrift und häufig eine Diagnose vor dem Zerlegen darüber, ob die Reparatur hält. Der Bauteilzugang und die Drehmomentvorgaben stammen dabei aus der jeweiligen Herstellerdokumentation.

Ausrüstung

Der Dichtungs-Grundstock ist überschaubar und hält jahrelang. Zwei Anschaffungen tragen den größten Teil: ein brauchbarer Messschieber und ein Locheisen-Satz. Beim Plattenmaterial ist die Werkstoffangabe das Kaufkriterium – Plattenware ohne Angabe lässt sich später keinem Medium mehr zuordnen und landet im Zweifel an der falschen Stelle. Die allgemeine Werkstattausstattung steht unter Werkzeug-Grundausstattung.

Messen und schneiden

Dichtungsmaterial

Der Werkstoff richtet sich nach dem Medium – die Tabelle oben ist die Entscheidungsgrundlage. Achten Sie beim Kauf auf die Werkstoffangabe und die Materialdicke in Millimetern.

Normteile: O-Ringe und Wellendichtringe

Diese Teile werden nicht angefertigt, sondern über ihre Maße bestimmt. O-Ringe über Innendurchmesser und Schnurstärke, Wellendichtringe über Wellendurchmesser, Außendurchmesser und Breite.

Ehrlich bleibt ehrlich: Eine selbstgeschnittene Dichtung ist dem Originalteil dort ebenbürtig, wo es um eine flache, drucklose Verbindung mit dem richtigen Werkstoff geht – und sie ist dem Originalteil unterlegen, sobald Druck, Temperaturwechsel, Bewegung oder Sicherheit ins Spiel kommen. Wer das trennt, hält Geräte am Leben, für die es seit Jahren nichts mehr gibt. Wer es nicht trennt, baut eine Undichtigkeit ein, die erst später auffällt. Unter Anleitung lernt sich das am schnellsten – etwa in einem Repair-Café; wir betreiben selbst eines, siehe Repair-Café Gladebeck.

Werkbank